Freitag, 10. Oktober 2014

Brief an Frau H.

Disclaimer:
Sie finden in diesem offenen Brief an meine Freundin Frau H. möglicherweise Ausdrücke, die ihnen unangenehm auffallen. Ging sogar mir beim Nochmallesen so. Ich lass sie trotzdem drin, denn im Moment des Schreibens waren sie für mein Seelenheil notwendig.
Sie sind gewarnt worden.




Sehr geehrte Frau H.

Seit nunmehr zwei Jahren arbeite ich in dem Bekleidungsgeschäft, in dem Sie gerne mit Ihrer Tochter einkaufen. Ich weiss garnicht, wie viele hundert Gesichter ich dort pro Woche treffe, wie viele Namen ich aus den unterschiedlichsten Gründen aufschreibe. Die meisten Gesichter merkt man sich nicht, die Namen erst recht nicht.

Aber Ihren Namen, Frau H., und ihr Gesicht, habe ich mir gemerkt. Und dabei kommen Sie garnicht so oft.
Denn Sie sind etwas ganz Besonderes.
Wenn Sie den Laden betreten, dann erfüllt mich jedes Mal diese ganz starke Emotion:
Ich könnte kotzen.

Es ist garnicht mal so die Tatsache, dass Sie verlässlich erst 20 Minuten vor Ladenschluss einmarschieren und dann so tun, als könnten Sie eine Stunde bleiben. Nein, es sind ganz andere Sachen, die Sie für mich so bemerkenswert machen.

Zum Beispiel wenn ich, so wie heute, im Laufe meiner Schicht unser Schränkchen öffne, in dem die zurückgelegten Waren aufbewahrt werden, und Ihren Namen lese. Frau H. Reserviert am, bis. Da wird mir schon ganz warm ums Herz vor lauter aufsteigender Magensäure.
Denn wenn Sie eins echt gut können, dann ist es Sachen zurücklegen. Meistens für Ihre Tochter, das missratene blöde Miststück, aber dazu kommen wir später. Manchmal sagen Sie auch dazu, dass ihre Tochter das heute nach der Schule noch anprobieren wird. Das "Heute" auf dem Zettelchen ist nur leider ganz oft Vorgestern. Denn ihre missratene blöde Kuh von einer Tochter kommt genauso wenig anprobieren wie Sie am angegebenen Datum wiederkommen, um ihren Scheiß anzuholen.
Ich für meinen Teil nehme Ihre Reverveklamotten ja inzwischen nurnoch klaglos entgegen, hänge sie weg und dann wieder in den Laden sobald Sie endlich verschwunden sind. Ihnen dürfte inzwischen aufgefallen sein, dass ich nichtmal mehr nach Ihrem Namen frage. Mir wäre das ja peinlich, gelle...

Aber halt, ich bin unfair. Manchmal kommen Sie ja doch rechtzeitig wieder, so wie heute. Und dabei hab ich heute noch meiner Kollegin vorgeschlagen, um Geld zu wetten dass Sie eben NICHT auftauchen. Schwein gehabt dass Sie selbiger Kollegin genauso gut in Erinnerung bleiben wie mir und sie sich eben nicht auf die Wette eingelassen hat. Arm wär ich jetzt!
Heute waren Sie also wieder da. Mit ihrer verzogenen Rotzgöre. Aber dazu später.
Und kaum waren sie drin (um achtzehn Minuten vor gesetzlichem Ladenschluss, gelle), haben Sie eine Ihrer weiteren Besonderheiten zur Schau gestellt. Denn wenn sie noch was echt gut können, dann ist es Aussuchen. So richtig habe ich Ihr System noch nicht verstanden, aber ich versuchs mal zu erklären:

Mit wunderbarer Präzision steuern Sie einen Artikel direkt im Eingang an. Sagen wir mal, es ist ein Stapel Pullover. Zum Anschauen braucht man in der H'schen Welt seine eigene Größe. Klar, sieht in anderen Größen ja auch anders aus. Also suchen Sie erstmal nach der Größe. Wenn Sie damit fertig sind, entscheiden Sie, dass der Artikel doof ist, und gehen weiter. Effektiv haben Sie dabei jetzt den kompletten Stapel zerlegt, auf der Ablage wild verteilt und das Exemplar, dass Sie dann doch nicht haben wollten, irgendwo in Reichweite über einen anderen Aufsteller oder Träger geworfen.
Jetzt gehen Sie also weiter und überspringen dabei im Durchschnitt immer etwa so 2, 3 Artikel. Sagen wir mal, der nächste Artikel hängt auf einem Bügel. Bügel runter von der Stange. Anschauen. Blöd finden. Wohin damit denn jetzt? Puh, garnicht so einfach, nicht wahr? Aaaaber so eine Frau H. weiss sich zu helfen! Entweder werfen Sie den Artikel einfach mitsamt Bügel irgendwo drüber, oder man hängt ihn halt soo seitlich an diese Trägerdinger wo die eigentlichen Stangen dran festgemacht werden. Fertig, Das ist so schön einfach. Also, weiter gehts. Wieder 2, 3, 4 Sachen überspringen, die uninteressant aussehen.
Der nächste Artikel hängt vielleicht auch auf einem Bügel, ist aber eine Jacke oder etwas ähnliches, was man sich prima so mal eben überwerfen kann. ACHTUNG: Das hier passiert immer nur dann, wenn Sie ihre scheiss Tochter dabei haben, aber dazu später. Daughter Dearest soll also jetzt dieses Dingens anprobieren. Sofort hier. Den Bügel lassen Sie oft hängen, ziehen das Teil einfach runter. Manchmal nehmen Sie ihn aber auch mit. Ab damit also zum nächsten Spiegel, 3 Meter weiter. Tochter wirft sich das Teil über. Sieht nicht gut aus. Mist, Was nun? Sollten Sie den Bügel mitgenommen haben, wird er jetzt wieder irgendwo da platziert, wo er Ihnen nicht im Weg ist. Zum Beispiel auf einem Stapel Klamotten, oder wieder an diesen seitlichen Stangenträgerdingsern. Herrlich. Das übergeworfene Teil wird in der gewohnten Weise in Reichweite entsorgt. Das macht besonders dann viel Spaß, wenn man nicht nur einen Artikel zum Überwerfen dabei hatte, sondern 5. Da kann man dann eigene Stapel bauen. Das können Sie, Frau H,, nämlich auch ganz toll.
Aber es gibt ja auch Sachen, die man lieber in der Kabine anprobiert, gelle?
Die werden also auf dem Weg durch die Regale gesammelt über dem Arm getragen.

Mit der Zeit sammelt sich dann auf Ihrem Arm ein ganzer Haufen Klamotten. Und weil das so viele sind, überlegen Sie sich zwischendurch auch nochmal, was Sie davon dann eigentlich doch garnicht so toll finden. Und weil das so praktisch ist, werden diese Teile dann einfach genau da, wo Ihnen die zündende Idee kam, abgelegt. Wieder im Stapel. Weil das können Sie gut.

Wenn Sie dann erstmal so weit fertig sind, steuern Sie entweder die Kasse (ohne Tochter, zum Reservieren) oder die Umkleidekabinen (mit Tochter, zum Anprobieren) an. Zur Kasse kommen wir später. Was in den Umkleidekabinen passiert, ist viel lustiger.
In der Zwischenzeit, es ist jetzt so 10 vor Ladenschluss, hat sich eine Kollegin dann aufgemacht, Ihre Spur der Verwüstung, die bis jetzt exakt Ihrem Laufweg entspricht, zu beseitigen. Meistens bin ich das. Deswegen kenne ich Sie ja auch so gut. Aaaaber wir haben die Rechnung ohne Frau H. gemacht!
Während also die dumme Scheisskuh, die ihre Tochter ist, munter alles anprobiert, fällt Ihnen ein, dass Sie ja noch garnicht alle Artikel angeschaut haben! Herrje! Zurück nach vorne, wo inzwischen wieder alles ordentlich ist. Jetzt sind die zuvor übersprungenen Artikel dran.
Obwohl... Der Pulli, den Sie sich vorhin angeschaut haben, ist ja doch garnicht schlecht.... Lieber nochmal angucken. Nochmal Stapel auseinandernehmen und verteilen.

(Ich fühle an dieser Stelle das Bedürfnis, dem Leser zu versichern dass ich keinesfalls übertreibe. Die Tatsache, dass es so wirkt als ob, macht die ganze Geschichte erst erzählenswert...)

Sie starten also eine weitere Tour durch den Laden. Und dann vielleicht noch ne Dritte. Gott sei Dank, ich hatte schon Angst dass uns so kurz vor Feierabend langweilig werden könnte.

Irgendwann... später... kommen Sie dann an die Kasse. Mit dieser... Person von Tochter.
Eine von uns kassiert jetzt. Das heisst, sie steht erstmal da während Sie in aller Seelenruhe nochmal überlegen, was von dem Stapel Sie jetzt wirklich haben wollen.
Die Andere läuft derweil nach hinten - Ach Frau H., wir kennen das doch schon - wo nicht nur die Kabinenstange zum Brechen voll ist mit dem ganzen Scheiss, den Sie Ihrem Drecksblag in den Rachen stopfen wollten... sondern wo auch die Erklärung wartet, warum ich mir so viele charmante Umschreibungen für den Spross ihrer wie ein Hefekloß aufgegangenen Lenden ausgedacht habe.

Ich könnte Ihnen, Frau H., jetzt erzählen, wie schmerzhaft es für alle anderen Anwesenden ist, ihrem Gör zuhören zu müssen, wie sie mit Ihnen redet. Maulig, patzig, schlichtweg respektlos der eigenen Mutter gegenüber die grade bereit ist, dreistellige Summer für Klamotten auszugeben, die Madammchen wahrscheinlich eh nur 3mal anzieht... Es ist peinlich. Peinlich zu wissen dass Sie trotz dieser herablassenden, entwürdigenden Behandlung artig die Geldbörse öffnen werden.
Vielleicht ist das ja aber auch der normale Umgangston bei Ihnen daheim. Ist ja auch garnicht mein Bier, das müssen Sie wissen. Nee, was Ihre Tochter so bemerkenswert macht, ist was anderes...

Es gibt ja einige Kunden, denen es egal ist, wie die Ware aussieht nachdem sie sie angezogen haben.
Doch... Ihre Tochter toppt alles.
Konsequent ALLES auf links gedreht, zerknüllt, ineinander verdreht, zum Teil verknotet hat sie die probierten Teile nicht nur auf den Boden fallen lassen, sondern, da es ja irgendwann voll wird in so einer 2m²-Kabine, alles mit Kraft unter die kleine Sitzbank gequetscht, ist zum Teil mit Schuhen darauf herumelaufen (Wissen Sie, Frau H., das sieht man an den hübschen Abdrücken) und hat die Hänger und Clipsbügel munter darüber gestreut. Sie, Frau H., haben das natürlich gesehen. Aber wie die Mutter, so wie Tochter, nicht wahr? "Ich muss es ja nicht aufräumen."
Ein Mal. Eiiiiin Mal hatte ich einen Moment des Triumphes, als ich diejenige welche war, die sich mit diesem Drama befassen durfte, während meine Chefin sich an der Kasse mit Ihnen, Frau H., rumgeschlagen hat. Als ich nämlich noch dabei war, den Berg Klamotten mit beiden Armen vom Fußboden aufzuklauben, kam Ihre asoziale kleine Mistratte nämlich zurück, weil sie ein Teil vergessen hatte. Und stand vor mir und meinte beinahe noch patzig "Das Schwarze will ich doch haben." Und ich schaue auf den Berg und sage "Welches von den Vielen in diesem Knäuel?" und habe sehr betont langsam begonnen, einzelne Teile herauszuziehen. Das war ihr dann doch ein bisschen peinlich. Und mir tat das gut. Denn da wusste ich, dass das Ding im Gegensatz zur Mutter vielleicht noch ein bisschen Schamgefühl hat.
Da frage ich mich doch, Frau H., wie läuft das denn bei Ihnen daheim? Haben Sie eine Putzmamsell für Ihren kleinen Spatz? Und wenn ja, wie hoch ist die Halbwertszeit dieser armen Wesen? 5 Wochen? 4?
Das Problem ist doch gar nicht das Aufräumen als solches. Das ist mein Job. Das Problem ist, dass ich eigentlich jetzt grade Feierabend habe, ab jetzt nicht mehr bezahlt werde und trotzdem noch genug zu tun habe. Ich muss den Kabinenbereich wischen, die Einnahmen zählen, den Laden auf Vordermann bringen (der auch schon echt gut aussah bevor Sie reinkamen, nech...) und die ganzen blöden Kassenvorgänge machen - und das innerhalb von 15 Minuten, denn sonst ist mein Bus weg und ich darf eine Stunde im Dunkeln auf den Nächsten warten. Danke.


Oft genug stehe ich aber auch mit Ihnen an der Kasse.

Und dann... Es ist inzwischen 3 Minuten nach gesetzlich vorgeschriebenem Ladenschluss... kommt diese eine, ganz bestimmte Frage. Heute sag ich noch zur Chefin "Wollen wir wetten, dass sie fragt?" Chefin guckt nur böse.
Und natürlich, Frau H., Sie haben schließlich ihre Prinzipien, kommt die Frage.

Jedes.

Mal.

"Kann ich das dann noch umtauschen und bekomme mein Geld zurück?"
FRAU H!
ALSO BITTE!!!
Hätte ich mir für jedes Mal, das ich Ihnen diese Frage schon mit Ja beantwortet habe, nur einen Cent zurückgelegt und das Ersparte dann in die wirklich famosen Eiskugeln beim Italiener am Eingang unseres Einkaufscenters umgesetzt WÄRE ICH INZWISCHEN FETT!!!

JA Herrgott, das können Sie, das konnten Sie schon immer, das werden Sie morgen auch sicherlich TUN! Denn wenn Sie noch was echt gut können, dann ist es den ganzen Mist am nächsten Tag wieder zurückzubringen.
UND ICH MUSS MORGEN ARBEITEN!!!

Heute ist mir ein pampiges "Ja, wie immer." entschlüpft. Die Chefin musste kurz prusten.

Nächstes Mal sage ich 'Nein'.
Denn ganz ehrlich, Frau H.?

Ich hasse Sie.




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